• Berliner Fasching von Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

    Date: 2010.06.25 | Category: Gedichte | Tags: ,,,

    Nun spuckt sich der Berliner in die Hände

    und macht sich an das Werk der Fröhlichkeit.

    Er schuftet sich von Anfang bis zu Ende

    durch diese Faschingszeit.

    Da hört man plötzlich von den höchsten Stufen

    der eleganten Weltgesellschaft längs

    der Spree und den Kanälen lockend rufen:

    “Rin in die Eskarpins!”

    Und diese Laune, diese Grazie, weißte,

    die hat natürlich alle angesteckt;

    die Hand, die tags hindurch Satin verschleißte,

    winkt ganz leschehr nach Sekt.

    Die Dame faschingt so auf ihre Weise:

    gibt man ihr einmal schon im Jahr Lizenz,

    dann knutscht sie sich in streng geschlossenem Kreise,

    fern jeder Konkurrenz.

    Und auch der Mittelstand fühlts im Gemüte:

    er macht den Bockbierfaßhahn nicht mehr zu,

    umspannt das Haupt mit einer bunten Tüte

    und rufet froh: “Juhu!”

    Ja, selbst der Weise schätzt nicht nur die hehre

    Philosophie: auch er bedarf des Weins!

    Leicht angefüllt geht er bei seiner Claire,

    Berlin radaut, er lächelt…

    Jedem seins.

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